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Rezension "Sülzer Kinderheim 1917-2012" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: JoaKru   
Dienstag, den 25. Juni 2013 um 08:48 Uhr

Rezension: Geschichte(n) des Sülzer Kinderheims 1917-2012. Vom Kölner Waisenhaus zu Ki d S. Fotografiert und gestaltet von Eusebius Wirdeier. (Köln: Kinder- und Jugendpädagogische Einrichtung der Stadt Köln, 2013). 4o, 288 Seiten, zahlreiche, teils farbige Illustrationen. Mit Beiträgen von Jürgen Roters, Agnes Klein, Lie Selter, Rolf Koch, Stefan Palm, Thomas Deres, Barbara Kreuzburg und Marcus Trier. Preis 15,90 Euro.


Der Anlass für die vorliegende Veröffentlichung ist die Aufgabe und der partielle Abriss des Kinderheimes Köln-Sülz am Sülzgürtel 47, sowie die Eröffnung der neuen Kinder- und Jugendpädagogischen Einrichtung der Stadt Köln an der Aachenerstraße 92-98. Ein Adressat, an den sich die Dokumentation richtet, ist nicht genannt. Es liegt auf der Hand, dass alle diejenigen angesprochen sind, die irgendwie und irgendwann mit der Institution „Kinderheim“ in Köln zu tun hatten. Das Ende wendet den Blick zu den Anfängen und zur Entwicklung durch ein ganzes Jahrhundert. Auf 288 Seiten im Quartformat geht es um Dokumentation und Erinnerung, vor allem, so setzen wir einmal voraus, für die ehemaligen Kinder, die in diesem Heim lebten. Dabei vereinigt sich die Erinnerungskultur mit dem Bemühen um Identitätsstiftung. Eindrucksvoll wird das zum Ausdruck gebracht durch die - nur mit einer Lupe lesbaren - Vornamen der Kinder, die einst im Sülzer Heim lebten. 22500 Kinder sollen in den letzten hundert Jahren die Räume des Kinderheimes mit Leben erfüllt haben. Die Räume und Mauern sind es also, die den Kindern zum Teil eine gemeinsame Geschichte verleihen. Doch so starr und abweisend die Mauern nach innen wie nach aussen auch waren, so hat sich in den hundert Jahren dennoch der Zeitgeist von aussen kommend in die inneren Verhältnisse eingemischt und Veränderungen bewirkt. Daher ist es auch sinnvoll, einer Periodisierung, die im wesentlichen durch die Weimarer Republik, die Nazi-Zeit, die Nachkriegszeit und die Zeit, die mit dem Begriff der 68er kurz und bündig bezeichnet wird, zu folgen.

Angenehm überrascht ist man, dass die Autoren der Dokumentation nicht der Versuchung erlegen sind, eine Festschrift oder eine reine Institutionsgeschichte vorzulegen. Darin zeigt sich bereits ein veränderter Blick auf die Vergangenheit des Sülzer Kinderheimes. Dass das Kind im Vordergrund stehe, ist ein Anspruch, der zwar immer bestanden hat und in vielen Reden durch die Geschichte hindurch immer wieder beschworen worden ist, doch die Geschichte zeigt, dass über allem ein bestimmendes Ordnungsdenken stand, das zumindest in früheren Jahren die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder, die Ausreifung zu einer emotional gefestigten Persönlichkeit, eher behinderte als förderte. Auch wenn die Mauern es suggerieren, das Heim war keine unberührte einsame Insel. Es stand vielmehr mitten im Strom der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Geht man aufmerksam die lange Liste der Namen der Kinder durch, dann werden bereits an ihnen, an Modenamen und Namen aus fernen Ländern, gesellschaftliche Entwicklungen fassbar, die die Republik insgesamt betrafen. Dies gilt auch für die religiösen Verhältnisse der Kinder. Wie diese, etwa im Hinblick auf manchen türkischen und arabischen Namen, in neuerer Zeit gelöst worden sind, ist freilich ein Desiderat für eine zukünftige Dokumentation.

Nicht nur die veränderten pädagogischen Leitlinien, auch die gesellschaftliche Realität zeigten, dass die Konzepte konfessionsgebundener Heimerziehung den gegenwärtigen gesellschaftlichen Ansprüchen nicht mehr genügen können. Unter dem Druck der maroden Bausubstanz, so Oberbürgermeister Jürgen Roters, war daher der Schritt zu grundlegenden Veränderungen in der Heimkonzeption geradezu zwingend. Damit wird ein Konzept obsolet, das die sozialen Vorstellungen der Stadt Köln in den letzten zweihundert Jahren geprägt hat. Die Stadt Köln muss und will neue Wege gehen.

Der veränderte Blick auf die Wirklichkeit des Kölner Kinderheimes beginnt mit der Beleuchtung der Innenseite. Schlaglichtartig wird ein Alltag in Zeitzeugenberichten geschildert, die die Erfahrungen vieler ehemaliger Heimkinder mehr oder weniger authentisch widerspiegeln. Stephan Palm hat sie, soweit notwendig, behutsam bearbeitet. Die Namen sind anonymisiert. Nicht zu verhehlen ist, dass einige Aussagen (etwa zu sexuellen Übergriffen während der Messe am Altar (Seite 41)) befremden, andere Details aber, wie etwa im Bericht von „Rudolf“ aus Knaben 1  / UF 7 thematisiert, bestätigen im wesentlichen das, was von Kindern hinter vorgehaltener Hand bereits damals ausgetauscht wurde. „Rudolfs“ Bericht durchbricht hier die Sprachlosigkeit und füllt wegen der hermetischen Abgeschlossenheit dieser Gruppe eine Lücke in der Dokumentation. Knaben 3, oder später Gruppe Johanna Magdalena, die als Vorzeige- und Mustergruppe galt, wird durch „Hans“ entzaubert. Der historische Wert ist jedoch durch einige Details sehr beeinträchtigt. Bereits damals sickerte manches aus dieser Gruppe durch, und die Differenz von Anspruch und Wirklichkeit gab Anlass zu erheiternden und bissigen Kommentaren unter den Kindern. Dass die Erlebniszeit als Säugling, durch Bilder zwar präsent gemacht, in den Zeitzeugenberichten ausgeblendet ist, mag in der Natur der Sache liegen. Schade ist, dass zu den Lehrlingen des Sülzer Waisenhauses kein Zeitzeugenbericht vorliegt. Auch dies ist ein schmerzliches Desiderat. Bis zur Übernahme durch männliches Personal wurden sie durch eine resolute Nonne, Schwester Maria Hildegund, beaufsichtigt (Seite 161 und 163 (Bild)). Mit der Leitung durch weltliches Personal wurden, zumindest in jüngerer Zeit, im Lehrlingsheim die konfessionellen Grenzen durchbrochen. Was in den Kindergruppen zur damaligen Zeit nicht möglich war, war hier problemlos machbar.

Den Zeitzeugenberichten, die teils in eine Lebensanalyse einmünden, ist, trotz unterschiedlicher Zeit, die Erfahrung von Macht und Ohnmacht gemeinsam. Damit ist eine Struktur beschrieben, durch deren Missbrauch der Misserfolg eines pädagogischen Bemühens geradezu vorprogrammiert erscheint. Es liegt in der psychischen Kraft der Kinder, ob sie mit den seelischen Verletzungen so umgehen lernten, dass später ein erträgliches Leben in einem Umfeld möglich wurde, das der Lebenssituation des Heimkindes unverständlich gegenübersteht, es allenfalls als Objekt sozialen und caritativen Handelns betrachtet, doch ihm in seinem inneren Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung nicht gerecht wird, vielleicht auch nicht gerecht werden kann. Auch wenn die Kritik an Nonnen und Erzieher/innen bereits aus damaliger Sicht oft als berechtigt erscheint, so darf dennoch nicht vergessen werden, dass es Nonnen gab, etwa Schwester Clara Renata (Aufnahme Mädchen, Koblenz-Arenberg, UF 10), die man gerne von dieser Kritik ausnehmen möchte, wie auch die vielen Nonnen, die nicht unmittelbar mit den Kindern zu tun hatten, die wirklich herzensgut waren. Hier darf für viele Schwester Mazzolina (Küche der Krankenabteilung, Schwesternpforte) oder gar Mutter Josefa Maria (1906-1993) genannt werden, die sich des Vertrauens und der Achtung aller erfreuen konnte. Neben den teils traumatischen Erlebnissen im Heim ist aber auch anzuerkennen, dass gerade Jüngere das Heim mitunter als Schutzraum vor der eigenen Familie erfahren haben (Zeitzeugenbericht von „Elli“), und es daher für sie in der Erinnerung mit positiven Konnotationen verbunden ist. Doch nur schlechte Erinnerungen an die Heimzeit dürften auch die älteren nicht haben. Man denke etwa an: Schiffstour, Taxifahrt, 6-Tage-Rennen, Messdienerfahrt, Messdienerfeier, Karneval, Erstkommunion, Pfadfinderfahrten, Schützenfest und Kirmes auf dem Auerbachplatz, Schulfahrten, Kahnfahrten im Stadtwald etc. etc. etc. Freilich mögen die Erinnerungen im Einzelfall, ohne irgendetwas zu verharmlosen, davon abhängig sein, ob und wie man gelernt hat, mit der Heimzeit umzugehen. Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass Lie Selter, seit 2005 Direktorin der Kinder- und Jugendpädagogischen Einrichtung der Stadt Köln, sich auch im Namen ihrer Vorgänger bei den Betroffenen für erlittenes Leid in aller Form entschuldigt (Seite 24).

Bezüglich der Nazi-Zeit verdienen die Hinweis auf das Verschwinden der „jüdischen Freundin Irmgard“ im Zeitzeugenbericht von „Auguste“, und der drei jüdischen Mädchen im Bericht von „Marianne“ (An drei jüdische Mädchen kann ich mich noch gut erinnern, denn sie waren plötzlich nicht mehr da) wie auch der Hinweis auf die Deportation von Kindern in die Tschechoslowakei im Bericht von „Nikolaus“ eine besondere Aufmerksamkeit. Hierher gehört auch die Deportation von drei Sinti Kindern (siehe Seite 148-149). Diese Hinweise werden ergänzt durch Bilder aus der Nazi-Zeit im Beitrag von Thomas Deres. Manche der abgedruckten Bilder wie auch einige Aussagen lassen durchaus eine Nähe der damaligen Nonnen zum Regime erkennen (Hitlergruß (Seite 140), Blutideologie (Seite 38)). Die Namen Friedrich Tillmann (1903-1964) und Richard Schaller (1903-?) (nationalsozialistischer Sozial-Dezernent der Stadt Köln; stellvertretender Gauleiter Aachen-Köln) haben das schon immer vermuten lassen. Der Anfangsverdacht einer intensiveren Einbindung in nationalsozialistische Auffassungen scheint damit erhärtet und es wäre zu wünschen, wenn den aufgezeigten Spuren weiter nachgegangen wird. Manchen Aufschluss zur Persönlichkeit Tillmanns gibt dankenswerterweise Thomas Deres. Zu den Bilder sei angemerkt, dass sie teils dem typischen Klischee der NS-Propaganda entsprechen. Sie müssen, trotz ihres dokumentarischen Wertes, mit kritischer Distanz betrachtet werden. Auch für die sogenannten „Persilscheine“ im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens gilt dieser Vorbehalt.

Den „Zeitzeugenberichten“ folgt der Einstieg in die historische Darstellung. Hierzu hat Thomas Deres den Beitrag „Vom Domplatz zum Waisenhaus - die Entwicklung bis 1917“ beigesteuert. Er lässt die Entwicklung ab der Neuzeit kurz Revue passieren, und steigt dann für das 19. Jahrhundert in eine vertiefte Darstellung ein [siehe auch die Darstellung von Josef Abeln in Mutter Clara Fey und ihr Werk der Liebe, 12. Jahrgang, Heft 1, 8. Mai 1967]. Eberhard von Groote (1789-1864) wird vorgestellt, ebenso seine Schrift „Das Waisenhaus zu Köln am Rhein“ von 1835. Die konfessionelle Bindung des Waisenhauses wird thematisiert, aber auch die Zielsetzung dieser Anstalt. 1852 wird ein Vertrag mit den Barmherzigen Schwestern vom Hl. Borromäus geschlossen, doch die Erwartungen, die an ihre Tätigkeit geknüpft waren, erfüllten sich nicht. Die Motivlage war zu unterschiedlich. Im Zuge der industriellen Entwicklung strömten immer mehr Menschen nach Köln, darunter auch vermehrt Waisenkinder. Der hieraus entstehenden sozialen Lage war mit dem individuellen Heilsstreben der Nonnen durch Vollbringung guter Werke allein nicht beizukommen. 1876 war dieses Experiment vorbei (Josef Abeln bringt den Abzug der Nonnen mit dem Kulturkampf in Verbindung (Köln war schließlich preußische „Provinz“); in diese Richtung könnte auch das Zitat aus einer Rede des Stadtverordneten Johann Hamspohn (1840-1926) gedeutet werden (Deres, Seite 63)). Für die damalige Zeit neu war dann in Köln der Versuch, das Waisenhaus ohne konfessionelle Bindung weiterzuführen. Da vergleichbare evangelische und jüdische Einrichtungen sich bildeten, blieb dieser Versuch bedauerlicherweise bereits im Ansatz stecken. Von anderen Einrichtungen dieser Art kaum abweichend, sollte den Kindern im Heim jene Fertigkeiten beigebracht werden, mit denen sie ihr späteres Leben selbständig meistern konnten. Eine schulische Grundausbildung und entsprechende handwerkliche Fertigkeiten sollten hierzu die Voraussetzungen schaffen. Über pädagogische Konzepte oder gar über die notwendige Ausbildung des Heimpersonals erfährt man nichts. Nachdem die Führung der Anstalt mit ausschließlich weltlichem Personal die Erwartungen ebenfalls nicht erfüllte, kam es 1912 zu einem Vertrag mit den Schwestern vom armen Kinde Jesu. Mit ihnen zog dann das Waisenhaus vom Perlengraben in die neuerrichteten Wohngebäude in Köln-Sülz. Dem Kapitel zum Waisenhaus am Perlengraben sind ein Grundriss und einige Abbildungen des Gebäudes beigegeben. Der Grundriss, in den die Zweckbestimmung der Räumlichkeiten eingeschrieben sind, zeigt für die Zeit die strenge Trennung von Jungen und Mädchen, selbst beim Spielplatz, und die Separierung der Kleinkinder. Eine Kapelle ist ebenfalls erwähnt wie etwa auch ein Isolierhaus für kranke Kinder.

Im folgenden Kapitel gibt Thomas Deres einen Überblick über die weitere Geschichte bis 1933. Ein grosser Teil ist der Darstellung der Baugeschichte gewidmet, insbesondere wie sich diese in den städtischen Entscheidungsgremien vollzogen hat.  Anschaulich wird das ganze durch zahlreiche Bilder, die einen guten Eindruck von der äußeren Beschaffenheit des damaligen Heimes vermitteln. Einen kleinen Einblick in die Heimbürokratie gewährt die Personalkarte von Anton Flüchter (1899-1918). Ein intensiverer Blick darauf lohnt sich, denn es werden die Gründe für die Heimaufnahme und die Entlassung angeführt, wobei kurioserweise unter den Entlassungsgründen als Nr. VII auch der Tod genannt ist. Die Rückseite der Karte enthält 20 Einträge zu verschiedenen Aufenthalten in Heimen, Pflegestellen und bei Lehrmeistern. Ob dieser häufige Wechsel der Reifung zu einer gefestigten Persönlichkeit günstig war, dürfte fraglich sein. Der frühe Tod als Soldat hat Anton Flüchter jedoch die Möglichkeit genommen, dies in Erfahrung zu bringen. Ganz entlassen wurden die Heimkinder freilich nicht, denn in der Rubrik „Besondere Bemerkungen“ stehen auf der Karte „Heirath, schwere Krankheiten, Freiheitsstrafen u. dergleichen.“ (also kaum etwas Positives). Hier drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf: Einmal Heimkind, immer Heimkind. Man war schlicht abgestempelt. Von diesen Personalkarten, wenn der Text bei Deres korrekt verstanden ist, haben sich 48 erhalten haben, vielleicht nur deswegen, weil sie Heiminsassen zugehörig sind, die im 1. Weltkrieg fürs Vaterland gefallen sind (soll die Aktentasche, in der sie aufbewahrt sind, Ausdruck des Heldengedenkens für Heimkinder sein?). Im Hinblick auf die Grundsätze der damaligen Heimpädagogik wäre ihre Auswertung wünschenswert. Interessant ist ferner der Bericht über die Qualifikationen der Nonnen zur Leitung der unterschiedlichen Altersgruppe. Bei Kindern, die aus dem Kleinkindalter herausgewachsen sind, war eine „mehrjährige Erfahrung“ zur Leitung einer Gruppe ausreichend (übrigens ein Prinzip, das in der Betrauung mit der Gruppenleitung bis weit in die 60er Jahre in Sülz zur Anwendung kam). Vielleicht erklärt dies das Fehlen einheitlicher pädagogischer Grundsätze. Mutter Clara Fey (1815-1894), die Gründerin des Ordens der Schwestern vom armen Kinde Jesu, hat zwar Gedanken der Gewaltlosigkeit in der Erziehung geäußert, doch in ein Lehrgebäude, das methodisch Regeln des pädagogischen Handelns bereitstellt, sind sie nicht eingegangen. Offenbar waren die Nonnen sich selbst überlassen und agierten nach Gutdünken. Die Darstellung der Erziehungspraxis dürfte gerade im Hinblick auf die gegenwärtige Aufarbeitung der Heimerziehung einiges Interesse für sich beanspruchen, zeigt sie doch, dass bereits in der Weimarer Zeit auch über Missstände im Kölner Waisenhaus im Rat der Stadt Köln diskutiert wurde. Dabei kommt auch die Rede auf den Karzer im Sülzer Heim für schwierige Jugendliche. Dieses aus dem Universitätsbereich übernommene „akademische Strafmittel“, das eine gerichtliche Entscheidung voraussetzte, scheint unter anderem Namen, euphemistisch etwa als „Besinnungszimmer“, in vielen Heimen überlebt zu haben. Es ist durchaus ein bemerkenswertes Fortleben der universitären Strafkultur in Bereichen, wo sie eigentlich nicht hingehörte. Allein schon die Existenz eines Karzer im Sülzer Waisenhaus wirft kein günstiges Licht auf die praktizierten Erziehungsmethoden. Selbst der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer (1876-1967) scheint das Bestehen von Missständen in Sülz einzuräumen, aber die Parteidisziplin verhinderte wohl ein energisches Durchgreifen. Fremd erscheint das selbst heute nicht, hat man doch in der Diskussion über die Heimerziehung nach dem Zweiten Weltkrieg den Eindruck, dass es auch parteipolitische Opportunitäten waren, die die notwendigen Reformen in der Kinderheimpädagogik zum Nachteil der Kinder in der Frühphase der Bundesrepublik mit verhinderten. [Anmerkung: Statistische Angaben zur behandelten Zeit finden sich in den Amtlichen Nachrichten für die Armen-, Waisen- und Wohlfahrtspflege der Stadt Köln. (auch unter abweichendem Titel); an Literatur sei zudem verwiesen auf: Johann Schwarz, Das Armenwesen der Stadt Köln vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts bis 1918. (Köln 1922); Johannes Dicks, Die stadtkölnische Waisenerziehung von 1520 bis 1825. (Köln 1925)].

Anschließend geht Thomas Deres zur Nazi-Zeit über, ein Kapitel, das gewiss großes Interesse finden wird, zumal es dem Autor gelingt, in die Heimsituation der NS-Zeit am Beispiel des Kölner Kinderheimes ein erhellendes Licht zu bringen. Auch die entsprechenden Zeitzeugenberichte sind in diesem Zusammenhang sehr hilfreich, da sie manches anschaulich machen, was in der historischen Darstellung abstrakt bleibt. Im Zuge der vielfältigen Aufarbeitung der Nazi-Zeit fristen die Kinderheime ein Dasein, das man noch nicht einmal stiefmütterlich nennen kann. Einiges war geläufig, da den Erwachsenen im Kölner Kinderheim hier und da mal eine Bemerkung entschlüpfte. In der Regel wurde diese Zeit aber totgeschwiegen und das musste einen Grund haben. Es ist wirklich verdienstvoll, dass Deres hier Licht ins Dunkel gebracht hat und es ist zu hoffen, dass diesem Beispiel andere Heime folgen. Bevor die NS-Zeit des Sülzer Kinderheimes thematisiert wird, gehen Thomas Deres und Eusebius Wirdeier zunächst auf das jüdische Kinderheim am Blankenheimer Platz ein. Dieser Platz wurde später Auerbachplatz genannt. Eine Seite dieses Heimes lag zum Münstereifelerplatz hin, den wir passierten, wenn wir zum Frisör in der Blankenheimerstraße gingen. Zur damaligen Zeit war dort ein jüdisches Altersheim. Dies war allgemein bekannt, doch niemand erzählte, dass dort ursprünglich ein jüdisches Kinderheim war, und dass 1934 Einrichtungsgegenstände aus diesem und 1939 aus weiteren jüdischen Kinderheimen (Deres, Seite 132-133), während die Insassen nach Minsk ins Vernichtungslager deportiert wurden, ins Sülzer Kinderheim gekommen sind. Das Sülzer Heim erweist sich somit stärker mit den Ereignissen der NS-Zeit verflochten als aufgrund seiner katholischen Ausrichtung zunächst vermuten werden konnte. Der Name Friedrich Tillmann legt ohnehin eine strenge Anbindung des Sülzer Waisenhauses an NS-Vorgaben nahe. So überrascht es auch nicht, dass sein Freund und Vorgesetzter Richard Schaller schon kurze Zeit nach Tillmanns Ernennung zum Direktor des Waisenhauses von ihm sagte (Deres, Seite 118): „Derselbe hat nicht nur größere Einsparungen erreicht, sondern auch das Wesen des Waisenhauses nach unseren Anschauungen umgestellt.“ Deres gibt hierzu den Hinweis, dass den Nonnen in der Ausübung ihres Erziehungsauftrages erhebliche Einschränkungen auferlegt wurden (Seite 122). Welche das sind, bleibt offen. Bei der „Umstellung“ könnte man an einen personellen Austausch im Rahmen der Wiederherstellung des Berufsbeamtentums denken, der offenbar auch Direktor Johann Peter Maul (1873-1944) zum Opfer fiel (warum? der NS-Ideologie nicht zugänglich?), auch an die Einführung des „Führerprinzips“, vor allem aber an rassistische Vorgaben (siehe das Verschwinden der „jüdischen Freundin Irmgard“ im Zeitzeugenbericht von „Auguste“ und der drei jüdischen Mädchen im Bericht von „Marianne“) einschließlich der Zwangssterilisation im Rahmen des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 (Deres, Seite 130-131), auch an eine stärkere Ausrichtung der Erziehung am Prinzip der körperlichen Ertüchtigung. Im Zeitzeugenbericht von „Marianne“ wird mitgeteilt, dass im Haupteingang des Heims eine Hitler-Büste stand, die die Worte aus Hitlers Parteitagsrede von 1935 trug: „Der deutsche Junge der Zukunft muss schlank und rank sein, flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wir Kruppstahl“. Der Eindruck entsteht, dass dieser Spruch das Motto war, unter dem nun die Erziehung im Sülzer Heim stand. Auch einige Fotografien legen das nahe. Von einer spezifischen nationalsozialistischen Heimpädagogik kann freilich nicht ausgegangen werden. Es gab zwar bei den Nationalsozialisten durchaus die Auffassung, dass gewisse Erziehungsmethoden mit der Würde eines deutschen Jungen nicht vereinbar seien, doch selbst Hitler ließ im Jugendstrafrecht die Prügelstrafe, wenn auch nur in einem Geheimerlass, zu. Nach Deres (Seite 119-121) gibt es Berichte, dass auch Tillmann geprügelt habe, andere Berichte schildern ihn hingegen als fürsorglich. Beides ist Ausdruck der Doppelstrategie der NS-Erziehung wie des NS-Staates insgesamt (Vernichtungslager // „Kraft durch Freude“). Der Zugriff des NS-Staates auf die Heimkinder erfolgte durch ihre Eingliederung in HJ und BDM. Wie Tillmann hierbei seine Aufgabe sah, zeigt ein Zitat aus dem Jahr 1939 (Deres, Seite 128): „Ich habe [...] in planmäßigen Vorträgen und anderen Veranstaltungen die mir anvertraute Jugend, die zudem ja auch geschlossen in der HJ ist, rassepolitisch und weltanschaulich geschult.“ Wer hierbei störte, wurde entfernt. Dies musste Pfarrer Dr. Johannes Herrig erfahren. Die Stadt entzog ihm 1939 das Gehalt. An seine Stelle trat Pastor Paul Hermesdorf. Abgesehen davon, dass er weniger Gehalt bekam (wurde er etwa nicht von der Stadt besoldet?), ist abstrakt nicht erkennbar, inwieweit er den weltanschaulichen Vorstellungen der Kölner NS-Größen eher entsprach. Im Zeitzeugenbericht von „Auguste“ ist jedoch mitgeteilt, dass Pastor Hermesdorf für die Mädchen einiges geändert und ihnen das Leben erleichtert hätte. Damit ist offenbar der Körperbezug angesprochen, und es spricht einiges dafür, dass Hermesdorf, im Gegensatz zu Johannes Herrig, der stärker in katholischen Moralauffassungen der Zeit verhaftet ist (siehe Johannes Herrig, Person und Kind. Das „Kindliche“ im Reiche des Religiös-Sittlichen. (Düsseldorf 1929)), mit seiner Auffassung zur Stellung der Frau dem nationalsozialistischen Frauenbild eher entgegenkam. Kaum überraschend würde die Konfliktlinie also im Menschenbild verlaufen. Wie dem auch sei, wichtig schien den Nazis der Zugriff auf die Heimkinder gewesen zu sein. Spätere Aussagen zur Hitler-Jugend zeigen, dass es dabei um den totalen Zugriff auf die Jugend ging: körperlich, geistig und seelisch. Der Zugriff auf die Heimkinder geschah, so Deres (Seite 129), „lange bevor das „Gesetz über die Hitler-Jugend“ vom 1. Dezember 1936 die Zusammenfassung der gesamten deutschen Jugend in der HJ vorschreibt.“ Bereits 1933 - Deres zitiert den Verwaltungsbericht der Stadt Köln 1933/34, S. 58 - liegt die Feststellung vor (Deres Seite 129): „Sämtliche Waisenzöglinge in den städtischen und privaten Anstalten sind, soweit sie dafür in Frage kommen, der Hitler-Jugend, dem Jungvolk oder dem Bund Deutscher Mädel angeschlossen.“ Ähnliches berichtet etwa die Nationalzeitung am 29.8.1935 für das Wilhelm-Augusta-Kinderheim in Essen („Wenn die Jungen, die übrigens wie sämtliche Insassen des Heimes, soweit sie das vorgeschriebene Alter erreicht haben, Mitglieder der HJ sind, [...]“). Dies deutet daraufhin, dass der Zugriff auf die Heim- und Waisenkinder möglicherweise flächendeckend erfolgte (hier sind weitere Forschungen notwendig), um sie im nationalsozialistischen Geist zu erziehen. Kirchlichen Heimen, die sich weigerten, HJ-Gruppen zu gründen, wurden Kinder und Jugendliche entzogen (Seite 128). Im Umlauf befindliche Fotografien aus dem Hermann-Josef-Haus in Urft in unmittelbarer Nähe zu Steinfeld, wohin viele Kölner Heimkinder evakuiert wurden, lassen ebenfalls auf HJ-Strukturen schließen. Auch gab es gewisse Eigenheiten. So zeigen einige Fotografien das Fehlen von Schuhwerk. Hier mag wieder die Nationalzeitung vom 29.8.1935 Aufschluss geben: „Schuhzeug war geradezu verpönt.“ Um den Geist der Heimerziehung in der Nazi-Zeit zu erfassen, darf man wohl unbesehen auf ihre Einordnung in die Hitler-Jugend verweisen. Dass kirchliche Stellen, da die meisten Heime in kirchlicher Trägerschaft waren, dagegen Protest eingelegt hätten, ist (noch) nicht bekannt. Dank der Ausführungen von Deres sind einige Grundlinien dieses Komplexes erkennbar, und es ist zu wünschen, dass zukünftige Forschungen hier weitere Aufklärung bringen.

Der Neuanfang in Sülz begann mit dem Aufbau dessen, was im Krieg zerstört wurde. Thomas Deres zeichnet die Bauphasen nach und reichert seine Ausführungen mit instruktiven Fotografien und Plänen an. Ein Schwerpunkt bildet dabei der Neubau der Heimkirche. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang, dass das Haus Ursula nicht an der Stelle des früheren Lehrlingsheimes (Deres, Seite 157), sondern auf der Freifläche unterhalb der Gärtnerei errichtet wurde. Nach dem Modell (Deres, Seite 144) befand sich das alte Lehrlingsheim an der Ecke Münstereifelerstr./Neuenhöfer Allee.

Mit großen Erwartungen wendet man sich dann zum Kapitel „Pädagogik im Wandel, 1945-1970“ von Rolf Koch. In diesem Kapitel sind divergierende Aspekte vereint, mitunter auch mit Details angereichert, die man historisch in diesem Zusammenhang nicht zwingend erwartet. Eine strengere Gliederung und inhaltliche Konzentration wäre erwünscht gewesen. Der Komplex zu Josef Abeln (1906-1994) und seiner Vorstellung von Familienerziehung wird in  Grundzügen skizziert. Da die Umsetzung von Konzepten der Heimpädagogik eng mit den baulichen Voraussetzungen verbunden sind, scheint ein Eingehen auf die Baugeschichte, auch wenn es dabei zu Überschneidungen mit der Darstellung von Thomas Deres kommt, gerechtfertigt. Die Anregung zur Einführung von „familienähnlichen“ Gruppen habe Josef Abeln von Andreas Mehringer (1911-2004) in München erhalten. Eine erste Realisation dieses Konzeptes sei 1952 im evangelischen Teil des Städtischen Kinderheimes in Köln-Brück erfolgt. Die erste „familienähnliche“ Gruppe in Sülz dürfte hingegen die evangelische Gruppe im Aufnahmegebäude (Leitung Frl. Scherzer) neben Knaben Aufnahme gewesen sein. Weitere Umsetzungen erfolgten dann mit der Errichtung des Hermann-Josef-Hauses und des Ursula-Hauses. Rein äußerlich brachte dieses Konzept zunächst die Koedukation, also das gemeinsame Wohnen und Leben von Jungen und Mädchen in einer Gruppe. Dies war bis dahin nur bei Kleinkindern üblich. Neu war mitunter auch, dass ältere Kinder über das Alter der Schulentlassung hinaus in der Gruppe verblieben und sozusagen die Rolle des „großen Bruders“ übernehmen sollten („große Schwestern“ sind nicht bekannt). Wie bereits oben erwähnt, stand für dieses Konzept vor allem die Gruppe Johanna Magdalena. Was inhaltlich mit dem Konzept der „familienähnlichen“ Gruppe umgesetzt werden sollte, ist freilich dunkel. Rolf Koch deutet an (Seite 164), dass offenbar die Vorstellung vorherrschte, als würden in entsprechend eingerichteten Räumen, wenn man es so sagen darf, durch das angeborene Brutpflegeverhalten automatisch jene weiblichen und mütterlichen Instinkte geweckt, die einen liebevollen Umgang mit den Kindern ermöglichen und garantieren. Daneben bestanden reine Jungen- und Mädchengruppen weiter fort. Gelegentlich wurden Geschwister in einer Gruppe zusammengeführt. Dies geschah aber keineswegs konsequent. Auch die Zahl der Kinder in einer Gruppe dürfte kaum den Familienvorstellungen der Zeit entsprochen haben. Ferner wurde das Fortbestehen der Erziehung durch gleichgeschlechtliches Personal und ihre Folgen [gegenwärtig von konservativen Kreisen im Rahmen der sogenannten „Homo-Ehe“ immer als äußerst schädlich dargestellt] nicht problematisiert. Die Umsetzung dessen, was als richtig und notwendig erkannt worden war, erfolgte also nur halbherzig. Ab den frühen 60er Jahren, bei Rolf Koch nicht erwähnt, wurden in Sülz vermehrt Fortbildungsveranstaltungen für das Erziehungspersonal durchgeführt. Es waren Vorträge, die im großen Saal unter der Kirche stattfanden. Aus der Sicht der Kinder haben diese jedoch keine Veränderungen bewirkt. Man blieb im wesentlich bei dem, was seit Jahren „bewährt“ war. Der Zeitraum, den Rolf Koch in diesem Kapitel behandelt, ist jener, dem sich in den letzten Jahren vor allem die Aufarbeitung der Heimgeschichte zugewandt hat. Daher ist es wenig verwunderlich, dass für diesen Zeitraum auch in Sülz Vorwürfe erhoben werden, wie sie mittlerweile aus zahlreichen weiteren Heimen überliefert sind. Hier zeigt sich ein strukturelles Problem, das zwar seit den 50er Jahren immer gesehen wurde, gleichwohl fehlte der Wille, notwendige Reformen anzupacken und durchzuführen. Rolf Koch verweist darauf, dass diese Zeit, wie er sagt (Seite 165), zurecht als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet wird. Ob und inwieweit auf die häufige Abwertung der Heimkinder durch das Erziehungspersonal nationalsozialistisches Gedankengut eingewirkt hat (die Mitgliedschaft in der HJ scheint eher dagegen zu sprechen) oder christlich-ethische Vorstellungen von Sittlichkeit etc. dazu hinreichend waren, dürfte eine eher akademische Frage sein. Befriedigend zu beantworten ist sie ohnehin erst dann, wenn hinreichende empirische Untersuchungen zur nationalsozialistischen „Heimpädagogik“ vorliegen. Den Umstand, dass ein Kind beim Metallsammeln tödlich verunglückt sei (Seite 170-171), erwähnt der Autor im Konjunktiv. Der Zweifel, der darin zum Ausdruck kommt, ist zu bekräftigen. Abschließend bleibt noch anzumerken, dass dieses Kapitel 13 Anmerkungen ausweist, deren Zuordnung zum Text mangels hochgestellter Ziffern jedoch nicht möglich ist.

Dass sich Umbrüche im Sülzer Kinderheim abzeichneten, machen drei Ereignisse deutlich: 1. Der Wechsel der Ordenstracht der Nonnen in den späten 60er Jahren; 2. Die Gründung der Siedlung „Templer“ der Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg im Sülzer Kinderheim in den frühen 60er Jahren durch Dieter Meurer (1943-2000) (später Professor für Strafrecht an der Universität Marburg) und ihr Zusammenschluss mit den Pfadfindergruppen von St. Bruno, St. Nikolaus und Albertus Magnus; 3. Der vermehrte Besuch öffentlicher Schulen durch Heimkinder außerhalb des Heimes ab den frühen 70er Jahren. Die Zeichen standen zunächst auf Öffnung, dann auf substantielle Veränderung. Direktor Josef Abeln geht 1971 in Pension, Rektor Werner Hilberath ( 1924 - 2010 ) verlässt 1972 das Heim und wird Pfarrer in Hürth-Hermülheim, 1973 nehmen die Nonnen Abschied vom Sülzer Kinderheim. Mit Rolando da Costa Gomez übernimmt 1972 eine neue Generation die Leitung des Hauses. Durchtränkt vom Geist der 68er und neuen pädagogischen Ansätzen ging man an die Neuausrichtung des Sülzer Kinderheimes. Über diese Zeit berichten Rolf Koch und Barbara Kreuzburg unter der Überschrift „Zeit der Umbrüche - Die 1970er- und 1980er-Jahre“. Obgleich der neue Direktor einige klare Richtlinien vorgab (etwa das Züchtigungsverbot; Seite 180), zeigen die Schilderungen von Hauskonferenzen (Seite 182), dass man sich nur allmählich an neue pädagogische Regeln herantastet. Man folgte offenbar dem Grundsatz „learning by doing“. Das Heim war in das Stadium des Experimentierens getreten und das erklärt, weshalb manches nicht von langer Dauer war bzw. bald schon überholt wurde. Als Zentralaussage kann hier gelten (Seite 179), dass „die Betreuung von Kindern im Heim zeitlich so kurz wie möglich zu halten“ sei. Primäres Ziel war die Rückführung der Kinder in die Ursprungsfamilien bzw. ihre Aufnahme in Pflegefamilien. Damit ist ein Aspekt angesprochen, der die Kölner Waisenpflege durch ihre ganze Geschichte hindurch begleitet hat, denn nur die wenigsten Waisenkinder kamen ins Kinderheim. Im Rückblick auf die vorausgegangene Zeit wirkt das Ziel einer möglichst kurzen Verweildauer im Heim wie eine Absage an Konzepte der „Familienpädagogik“ im Heim. Zudem entsteht der Eindruck, dass die Institution „Kinderheim“ insgesamt substantiell auf die Rolle einer „Aufnahmegruppe“ reduziert wird. Dass am Ende dieses Prozesses die Auflösung des Heimes stehen müsse, scheint sich daraus geradezu zwingend zu ergeben. Aber die gesamte Jugendhilfe war seit den 68er in Bewegung geraten. Lernprozesse wurden angestoßen, Dinge ausprobiert und schließlich nach und nach Gruppen in kleinere Wohneinheiten ausgegliedert. Pädagogische Ansprüche führten zur Reduzierung der Belegzahlen der Gruppe, erhöhter Personalbedarf zu Neueinstellungen, die wiederum an anderer Stelle Einsparungen erforderten. Es kam so manches in Bewegung. Selbst die Verweildauer auf dem Direktorensessel reduzierte sich, etwa im Vergleich mit Josef Abeln, erheblich. Seit 1972 zählt das Sülzer Heim 4 Direktoren. Offenbar gilt die Leitlinie der kurzen Verweildauer, wie sie Rolando da Costa Gomez als Parole ausgegeben hat, nicht nur für Heimkinder. Wir ersparen uns hier, alle die kurzlebigen Veränderungen nachzuzeichnen, zumal Rolf Koch und Barbara Kreuzburg dies, wohl aus eigenem Erleben, verständlich und nachvollziehbar unternommen haben. Ihr Beitrag leitet zu dem Kapitel „Zeit der Stabilisierung 1995 bis 2004 über, für das sich wiederum Rolf Koch als Autor zur Verfügung gestellt hat. Diese Periodisierung ergibt sich durch den Wechsel auf dem Direktorensessel. An die Stelle von Rolando da Costa Gomez tritt im August 1994 Helmut Thelen. Was von ihm im Gedächtnis bleiben wird, sind gewiss keine pädagogischen Aufbrüche, sondern die 100.000 Euro Abfindung, die er erhielt, als er den Direktorensessel 2004 für Maria Kröger freimachte (Kölnische Rundschau, 28.8.2003). Das Sülzer Kinderheim befand sich in der Phase der Abwicklung, auch wenn manch einer das noch nicht erkannt hatte oder wahrhaben wollte. Die Direktorenstelle wird nicht nur von Frauen besetzt, sondern von Frauen, die eigentlich Verwaltungsfachleute sind. Das war Programm. Die eigentliche Abwicklung des Sülzer Kinderheimes geschah dann unter Lie Selter, die seit 2005 auf dem Direktorensessel Platz genommen hat. Nun stand auch der Name auf dem Prüfstand. Anstatt „Kinderheim“ taufte man die neue Organisationsstruktur „Kinder- und Jugendpädagogische Einrichtungen der Stadt Köln“ oder kurz „Ki d S“. Bald möchte man sagen: „Neues Spiel, Neues Glück“. Letzteres wird notwendig sein. Mit der neuen Einrichtung, so Lie Selter, werden Visionen Wirklichkeit. Das kündigt jedenfalls die Überschrift an, die über den Ausführungen stehen und den Zeitraum von 2005 bis 2012 behandeln. Neben der Abwicklung des alten Geländes wurden neue Organisationsstrukturen gebildet, die vor allem den Anforderungen genügen müssen, um in den Wechselfällen des Lebens bedürftigen und schutzsuchenden Kindern die notwendige Hilfe zukommen lassen zu können. Doch das Angebot ist nun viel differenzierter als es noch in den 60er Jahren war. Zudem wurden stationäre Einrichtungen dezentralisiert und über die ganze Stadt verteilt. Wir haben nun viele „kleine Kinderheime“, die sich jedoch harmonisch in das soziale Gefüge der Nachbarschaft eingliedern und den Kindern in diesen Einrichtungen das Gefühl von Normalität vermitteln sollen. Vor allem geht es darum, die Stigmatisierung zu vermeiden. Unter diesem Aspekt ist es zu begrüßen, dass man durchaus versuchen will, die Kinder in ihren Familien zu belassen und dort entsprechende Hilfe anzubieten. Und was macht nun „Ki d S“? Es ist die Steuerungszentrale, die das Wohl der Kölner Kinder in Zukunft nicht nur verwaltet, sondern dazu berufen ist, es zu erreichen und umzusetzen. Wie eine Erdung in die Vergangenheit wirkt es da, dass das neue Gelände an der Aachenerstraße erst einmal von Marcus Trier, Leiter des Römisch-Germanischen Museums der Stadt Köln, und seinem Team nach Spuren der Geschichte abgesucht wurde. Man wurde fündig: Reste der preussischen Befestigungsanlage. Also eine recht martialische Vergangenheit tauchte da auf. Vielleicht ist das eine Mahnung an die neue Einrichtung, nicht Kasernierung, Disziplin und Gleichschritt als Lösung anzustreben, sondern zu versuchen, den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden, auch und gerade dann, wenn sie aus dem Gleichschritt geraten. Wer aber übernimmt nun das rechtmäßige Erbe des Sülzer Kinderheimes? Etwa „Ki d S“ oder haben wir es dort zu suchen, wo die Kinder und Jugendlichen untergebracht sind, ihren Lebensmittelpunkt haben und sich auf die Bewältigung der Lebensaufgaben vorbereiten? Wie dem auch sei, die zukünftige Geschichtsschreibung wird es schwer haben, die neuen Entwicklungen nachzuzeichnen. Dies zeigte sich bereits beim Überblick über die letzten dreißig Jahre. Was ist nun von dieser Entwicklung zu halten? Ruft man sich etwa den Waisenhausstreit zu Ende des 18. Jahrhunderts ins Gedächtnis, dann könnte man durchaus der Auffassung sein, dass wesentliche Anstöße der damaligen Reformer nun endlich umgesetzt wurden. Was dabei erstaunt, ist die lange Dauer eines gesellschaftlichen Umdenkungsprozesses. In diesem Prozess waren gewiss nicht Ideen die treibende Kraft. Auch beim Sülzer Kinderheim ist der Veränderungsprozess, insbesondere in seiner letzten Phase, wesentlich durch ökonomische Zwänge vorangetrieben worden. Was bleibt aber nun für denjenigen, der aus der Geschichte des Sülzer Waisenhauses und Kinderheimes Einblicke in die „Heimpädagogik“ gewinnen möchte. Gab es die überhaupt oder war das, was man anstrebte, nicht schon immer nur eine mehr oder minder geglückte Imitation der „Familie“? Vielleicht wird man das nicht zugeben, aber die Bemühungen, die Kinder möglichst in ihren Familien zu halten und hier die notwendige Hilfe anzusetzen, zeigt, dass man zumindest diese Lektion aus der Geschichte gelernt hat. Das Original ist doch allemal besser als die Kopie. Dabei hat es nun sein Bewenden.

Zuletzt bleibt noch darauf hinzuweisen, dass die vorliegende Publikation mit einem Orts-, Personen- und Sachregister ausgestattet ist, die Autoren der Beiträge kurz vorgestellt werden, Bild- und Archivmaterial aufgeführt sind, Kurzbiografien zu den Fotogeschichten von Eusebius Wirdeier angehängt sind, und das ganze 15,90 Euro kostet.

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Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 26. Juni 2013 um 00:19 Uhr
 
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